Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht

Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht

 
15. September 2026
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Was Erfolg mit Menschen macht, die lange genug erfolgreich sind.

Führungskräfte lernen, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und auch dann zu funktionieren, wenn andere noch über das Problem diskutieren. Was aber geschieht, wenn genau diese Fähigkeiten irgendwann selbst zum Problem werden?

In meinem neuen Roman „Henriette - Hinter den Spiegeln der Macht“ schicke ich eine erfolgreiche Geschäftsführerin auf eine Reise durch Organisation, Macht und die eigenen Gewissheiten. Eine Geschichte über Führung, die dort interessant wird, wo das Organigramm aufhört.

Verantwortung steht im Organigramm. Was sie mit Menschen macht, leider nicht.

Henriette ist erfolgreich. Sie entscheidet, übernimmt Verantwortung, erfasst Situationen schnell und löst Probleme. Das hat sie weit gebracht. Als sie die Geschäftsführung eines Unternehmens übernimmt, scheint die Aufgabe klar. Das Unternehmen braucht Orientierung und Veränderung. Henriette kann das. Zumindest glaubt sie das.

Bald geschieht etwas Merkwürdiges. Ihre Entscheidungen sind vernünftig, ihre Argumente nachvollziehbar, die Menschen widersprechen ihr kaum. Trotzdem funktioniert es nicht. Meetings verlaufen höflich, Vereinbarungen werden getroffen, Präsentationen produziert. Die Organisation bewegt sich nur häufig an einer anderen Stelle als dort, wo Henriette es erwartet.

Sie reagiert darauf, wie sie es über viele Jahre gelernt hat: mit mehr Klarheit, Energie und Kontrolle. Genau damit beginnt ihr eigentliches Problem.

Wenn Erfolg zur Falle wird

Organisationen belohnen Verhalten. Wer schnell entscheidet, bekommt schwierigere Entscheidungen. Wer Probleme löst, bekommt mehr Probleme. Wer Verantwortung übernimmt, bekommt mehr Verantwortung. Mit der Zeit entstehen daraus persönliche Erfolgsmuster, die so selbstverständlich werden, dass kaum noch jemand sie hinterfragt.

Henriette ist deshalb interessant, weil vieles von dem, was ihr Schwierigkeiten bereitet, einmal zu ihren größten Stärken gehörte. Sie ist klar, schnell, analytisch, anspruchsvoll und bereit, Verantwortung zu übernehmen. Irgendwann werden aus diesen Stärken Gewohnheiten und daraus Erwartungen an die Welt.

Henriette erwartet, dass Organisationen auf vernünftige Entscheidungen vernünftig reagieren.

Organisationen haben allerdings Humor.

Ein Organigramm gibt ziemlich genau Auskunft darüber, wer wem formal unterstellt ist. Über die tatsächlichen Machtverhältnisse sagt es deutlich weniger. Macht entsteht durch Informationen, Beziehungen, Erfahrung, Zugang und Vertrauen. Manchmal zeigt sie sich in der bemerkenswerten Fähigkeit, eine Entscheidung freundlich zur Kenntnis zu nehmen und anschließend dafür zu sorgen, dass möglichst wenig daraus entsteht.

Henriette begegnet genau dieser Welt. Menschen sagen Ja und meinen vielleicht. Sie widersprechen nicht und leisten trotzdem Widerstand. Entscheidungen werden getroffen und auf ihrem Weg durch die Organisation erstaunlich weich. Dafür braucht es weder einen Bösewicht noch ein Hinterzimmer. Macht zeigt sich im Alltag, im Meeting, im CC-Verteiler, beim Gespräch auf dem Flur oder in der Frage, wer vor einer Entscheidung noch kurz angerufen wird.

Eine hierarchische Position verleiht Entscheidungsmacht. Was die Organisation anschließend aus einer Entscheidung macht, lässt sich damit noch lange nicht kontrollieren.

Wer mein vorheriges Buch „Down The Rabbit Hole“ kennt, wird einige Gestalten wiedererkennen. Alice, Hutmacher, Märzhase und Jabberwocky tauchen auch in Henriettes Wahrnehmung auf. Diesmal stören sie ihre Gewissheiten. Sie stellen Fragen, wo Henriette längst Antworten hat, und produzieren Widersprüche, wo sie Ordnung herstellen möchte.

Solange unsere Erklärung der Welt funktioniert, haben wir wenig Anlass, sie infrage zu stellen. Interessant wird es, wenn die Wirklichkeit sich dieser Erklärung zu widersetzen beginnt.

Was Verantwortung mit Menschen macht

Henriettes Geschichte endet nicht am Werkstor des Unternehmens. Verantwortung besitzt die lästige Angewohnheit, keinen Respekt vor Arbeitszeiten zu haben. Eine schwierige Entscheidung bleibt nicht im Kalender, ein Konflikt verschwindet nicht mit dem Zuklappen des Notebooks. Wer über Jahre gelernt hat, unter Druck besonders leistungsfähig zu sein, legt dieses Verhalten auch nicht zusammen mit dem Jackett im Flur ab.

Henriette funktioniert zu Hause weiter, vielleicht gerade dort zu lange. Während sie glaubt, Verantwortung für alles zu übernehmen, haben die Menschen um sie herum längst begonnen, ihr Leben anders zu organisieren. Führung hinterlässt Spuren in Beziehungen, im Selbstbild und im Körper.

Wie unmittelbar dieser Gedanke wahrgenommen wird, hat mich überrascht. Angelika Schindler-Obenhaus, selbst viele Jahre im Top-Management und Verfasserin des Vorworts, schrieb mir nach der Lektüre, sie habe Henriette an manchen Stellen „körperlich wiedererkannt“: Schultern, Kiefer, Atmung, Müdigkeit. Am Ende fasste sie ihre Reaktion in einem Satz zusammen:

„So fühlt sich Verantwortung von innen an.“

Ein anderer Leser, selbst Unternehmer, stellte nach der Lektüre eine Frage, die mich seitdem beschäftigt:

„Kann mir das auch passieren?“

Henriette ist keine außergewöhnliche Heldin. Sie möchte gestalten, Probleme lösen und erfolgreich sein. Sie glaubt an Leistung, übernimmt Verantwortung und entwickelt über Jahre Methoden, mit denen sie darin ziemlich gut wird. Gefährlich werden diese Methoden, wenn sie unabhängig von der Situation immer wieder angewendet werden.

Zu Führung gehört deshalb die Bereitschaft, die eigenen Erfolgsrezepte gelegentlich skeptisch zu betrachten. Das fällt schwer. Scheitern zwingt uns zur Reflexion. Erfolg tut das viel seltener. Wer zwanzig Jahre für ein bestimmtes Verhalten belohnt wurde, braucht einen ziemlich guten Grund, es plötzlich infrage zu stellen.

Henriette bekommt einige davon.

Hinter den Spiegeln

Der Untertitel des Romans lautet nicht zufällig „Hinter den Spiegeln der Macht“. Wir betrachten Organisationen und glauben, die Wirklichkeit zu sehen. Dabei sehen wir immer auch unsere eigene Beschreibung dieser Wirklichkeit.

Mit dem Aufstieg in einer Hierarchie wächst die Gefahr, dass die Umwelt eine zunehmend bearbeitete Version der Realität präsentiert. Menschen beobachten genau, wie eine Führungskraft auf schlechte Nachrichten reagiert. Sie merken sich, welche Themen willkommen sind und bei welchen Vorsicht angebracht ist.

Organisationen prägen ihre Führungskräfte. Und Führungskräfte lernen dabei gelegentlich eine Organisation kennen, die es in dieser Form nur für sie gibt.

Irgendwann zeigen Henriettes Spiegel deshalb Henriette selbst.

Das ist der unangenehmere Teil.

Sie ist eine Frau in einer Top-Führungsposition. Geschlecht prägt ihre Erfahrungen mit Macht und damit auch die Geschichte. Zugleich besitzt Henriette selbst Macht. Sie entscheidet, interpretiert Situationen falsch, verletzt Menschen und trägt Verantwortung für die Folgen ihres Handelns. Sie kann arrogant sein, ungeduldig, kontrollierend, vorschnell und ungerecht. Das gehört zu ihr und gibt ihr die Freiheit, eine vollständige Figur zu sein.

Die Beschäftigung mit realen Erfahrungen von Frauen in Führungspositionen hat meinen Blick beim Schreiben geschärft. Im Zentrum blieb dabei eine Frage, die über Henriette und ihre Rolle hinausweist: Was macht Macht mit Menschen, die sie erleben und ausüben?

Kein Leadership Canvas zum Schluss

„Henriette. Hinter den Spiegeln der Macht“ ist ein Roman. Am Ende gibt es keine sieben Regeln für bessere Führung, keinen Selbsttest mit Punktesystem und keinen QR-Code zum „Henriette Leadership Canvas“.

Geschichten erlauben etwas, das Managementmodelle nur begrenzt leisten. Wir können einem Menschen beim Denken zusehen. Henriette kann uns auf einer Seite beeindrucken und drei Seiten später maßlos ärgern. Wir verstehen, warum sie eine Entscheidung trifft, und sehen zugleich, was sie damit anrichtet. Gelegentlich entdecken wir dabei eine ihrer unangenehmeren Eigenschaften bei uns selbst.

Darin liegt für mich eine besondere Qualität von Literatur über Führung. Sie schafft einen Raum, in dem nicht sofort entschieden werden muss. Widersprüche dürfen bestehen bleiben und Fragen ihren Wert behalten, auch wenn noch niemand eine PowerPoint-Folie mit der Antwort vorbereitet hat.

Wenn Henriette uns plötzlich sehr vertraut vorkommt

„Henriette. Hinter den Spiegeln der Macht“ erzählt von einer Frau, die gelernt hat, Probleme zu lösen und irgendwann erkennen muss, dass sie selbst Teil einiger Probleme geworden ist. Sie erlebt eine Organisation, die anders auf Führung reagiert, als sie erwartet, und steht schließlich vor der Frage, ob ihr eigenes Erfolgsmodell noch zur Wirklichkeit passt.

Henriette als Romanfigur zu erkennen, ist leicht. Unangenehmer wird es, wenn man etwas von ihr bei sich selbst entdeckt.

Dann bleibt eine ziemlich persönliche Frage:

Was von dem, was mich erfolgreich gemacht hat, könnte mir morgen im Weg stehen?

Wer darauf sofort eine klare Antwort hat, darf sie selbstverständlich behalten. Der Märzhase hätte vermutlich ohnehin noch ein paar Rückfragen.

„Henriette. Hinter den Spiegeln der Macht“ von HansJörg Schumacher ist als Printausgabe und Kindle-E-Book über Amazon erhältlich.

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HansJörg Schumacher
Über
HansJörg Schumacher
HansJörg Schumacher begleitet seit mehr als drei Jahrzehnten Unternehmer, Geschäftsführungen und Führungskräfte in Veränderungsprozessen. Statt schneller Antworten interessieren ihn die Muster hinter Entscheidungen, die Dynamik von Organisationen und die Geschichten, die Menschen über sich selbst erzählen. Mit Henriette – Hinter den Spiegeln der Macht verbindet er erstmals seine Erfahrungen aus der Organisationsentwicklung mit literarischem Erzählen – zu einem Roman über Führung, Wahrnehmung und die verborgenen Spielregeln von Macht. Gearbeitet hat er bereits für Auftraggeber wie die Daimler AG, HSBC Bank, Generali Versicherung oder die RWE AG.
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