Einen Blick auf andere Branchen zu werfen, kann erfolgsentscheidend für Transformationsvorhaben sein. Durch branchenübergreifenden Austausch und Know-how-Transfer können Unternehmen Wettbewerbsvorteile erzielen.

Zurück zum alten Muster?

Der Lockdown hat auf der ganzen Welt noch einmal verdeutlicht, welche Abhängigkeiten und Wechselwirkungen im globalen Wirtschaftssystem stecken. Viele Unternehmen trieben notgedrungen die Transformation ihrer Geschäftsmodelle voran. Die Dringlichkeit der Digitalisierung ist so stark wie nie. Es gilt, sich weg von liebgewonnenen Systemen, hin zu neuen Modellen der Organisation und Zusammenarbeit mit Stakeholdern zu wenden. Das Debattenthema in vielen Führungsetagen lautet also: Wie digitalisieren wir unser Geschäftsmodell? Unternehmen, die in der Digitalisierung schon fortgeschritten sind, hatten wesentlich weniger Produktionsausfälle während der Krise.

So stellen in der japanischen Fabrik des Robotik- und CNC-Spezialisten Fanuc Roboter die Produkte her. Oder die Siemens-Produktionsstätte in Amberg, wo – anders als in der Automobilindustrie – auch während des Lockdowns weitergearbeitet werden konnte: Aus dem Home-Office steuerten Mitarbeiter die vernetzten Maschinen. Automatisierung, nachhaltige Effizienz und Transformation waren zwar schon vor der Krise wichtige Themen – haben nun aber noch einmal an Dringlichkeit gewonnen. Für viele Unternehmen heißt das: Nicht zurückkehren zum alten Muster, sondern den Handlungsdruck nutzen, und sich innovativer und nachhaltiger aufstellen.

Im eigenen Saft

Was bei diesen Überlegungen allerdings noch immer vernachlässigt wird: Bei der Transformation von anderen Unternehmen aus transformationserprobten Branchen zu lernen. Oftmals bewegen sich die Verantwortlichen nur in der eigenen Branche. Dabei ist branchenübergreifender Wissenstransfer ein wichtiger Erfolgsfaktor für Transformationen. Und ja, man kann Themen über Branchengrenzen hinweg transferieren. Verantwortliche sollten das sogar tun. Dadurch gewinnen sie hilfreiche Einsichten für den Wandel ihrer Unternehmen – und einen Wettbewerbsvorteil am Markt. Denn: Der Austausch mit anderen Branchen kann die Fehlerquote im eigenen Transformationsprozess verringern, neue Wege und den Zugang zu neuen Märkten eröffnen.

Es gibt genug Vorzeigeunternehmen

Verantwortliche sollten sich also unbedingt mit transformations- und krisenerprobten Unternehmen austauschen. Beispielsweise war die Medien- und Verlagsbranche eine der ersten Wirtschaftszweige, die von der Digitalisierung berührt wurden. Das Verlagshaus Axel Springer reagierte extrem schnell auf die Marktveränderung. Von 2002 bis heute hat das Unternehmen eine spektakuläre Transformation durchlaufen: Umstrukturierung, Kulturwandel sowie organisatorische und akquisitorische Transformationen haben Axel Springer zum führenden digitalen Medienhaus in Deutschland gemacht. Dabei war sich das Unternehmen nicht zu schade, das eigene Geschäftsmodell zu kannibalisieren – und mit den neuen Online-Angeboten in direkte Konkurrenz zu den hauseigenen Druckerzeugnissen zu treten. Hier können andere Unternehmen definitiv Inspiration und Input gewinnen.

Das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Der schwedische Möbelgigant Ikea hat eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt, von der Unternehmen lernen können. Oder die Otto-Group, die sich von ihren obsolet gewordenen Vertriebsmodellen mit dem Printkatalog verabschiedet hat, um zum zweitstärksten Online-Händler in Deutschland aufzusteigen – hinter Amazon und vor Zalando. Von Innovationsproduktivität, über Veränderungskultur bis hin zur konkreten Umsetzung bei Fragen zur Digitalisierung von Vertriebsmodellen kann jedes Unternehmen von Otto lernen – ganz egal, aus welcher Branche.

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Muster wiederholen sich

Denn: Ähnliche Geschäftsmodell-Muster kommen in unterschiedlichen Branchen ohnehin schon vor. Beispielsweise findet das „Freemium-Modell“ in der Medienbranche (Onlinezeitungen), auf sozialen Plattformen (Xing, LinkedIn), in Apps oder in der Telekommunikationsbranche (Skype) Anwendung: Der User kann die Angebote eingeschränkt kostenlos nutzen. Für weitere Features und Funktionen muss man dann bezahlen. Das Modell „Köder und Haken“, bei dem – hat der Kunde einmal „angebissen“ – vor allem mit Folgeprodukten Geld verdient wird, findet in der Telekommunikations- und Elektronikbranche (Smartphones und Drucker) oder Konsumgüterbranche Anwendung. Aber auch im B2B-Bereich, bei der Herstellung von Flugzeugtriebwerken und dem daran angebundenen Wartungsservice beispielsweise. Die Managementthemen Unternehmenskultur und Organisationsstruktur sind ebenfalls branchenunabhängig und somit Bereiche für Inspiration.

Für Verantwortliche bedeutet das, sich im Benchmarking zu fragen: Welche Modelle aus anderen Branchen ähneln den unseren und welche Faktoren bestimmen die Adaption dieser Modelle? Die Probleme ähneln sich in vielen Fällen ebenfalls: Eine zunehmende Dynamisierung der Märkte, Digitalisierung und Nachhaltigkeitsbestrebungen. Im Benchmark muss man sich also nicht nur auf eine andere Branche stützen, sondern kann sich überall das Beste herausgreifen: Prozesse, Managementpraktiken, Dienstleistungen, Produkte, Kultur, Organisationsstruktur. Daraus sollten Verantwortliche dann ihr eigenes Best-Practice-Modell formen.

Fazit: Wissenstransfer bedeutet Branchen-Diversity

Der Knowhow-Transfer über unterschiedliche Branchen hinweg ist in Deutschland noch zu wenig ausgeprägt. Dabei können wir so viel lernen, wenn wir auch unterschiedliche Sichtweisen zulassen. Auch das ist Diversity: Branchenvielfalt in das eigene Geschäft einzubeziehen. Die Frage lautet doch: Warum sollten Unternehmen nicht von schnell-lebenden Branchen lernen und Ansätze in die eigene Branche transferieren? Warum nicht das Erfahrungswissen in Transformationen, Restrukturierung und Neugestaltung nutzen? Warum nicht von den Besten lernen? Oder wie Charles Darwin sagte: „Es ist nicht die stärkste Art, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern eher diejenige, die am ehesten bereit ist, sich zu verändern.“

Siegfried Lettmann - Interim Manager
Siegfried Lettmann

Siegfried Lettmann ist Koautor des Beitrags. Der Interim Manager ist spezialisiert auf die (digitale) Transformation in Vertrieb, Marketing und Geschäftsmodellen.

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