Die Umsetzung der Digitalisierung und damit einhergehende Veränderungsprozesse bereiten mittelständischen Unternehmen häufig Kopfzerbrechen. Änderungen denen einzelne Unternehmen häufig alleine nicht gewachsen sind. Genau hier setzt das HanseLab in Lübeck an.

Zweifellos stehen uns stürmische Zeiten bevor. Dabei ist es nicht nur die Digitalisierung, die Kopfzerbrechen bereitet, sondern es sind die vielen kleinen und großen Veränderungen, die vernetzt wirken und uns fordern, umzudenken. Herausforderungen, denen kleine und mittelständische Unternehmen oftmals nicht gewachsen sind. Wenn sie sich denn alleine den Herausforderungen stellen.

Anders sieht es aus, wenn sie mit anderen den Austausch suchen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Genau hier setzt das HanseLab in Lübeck an. „Was einer allein nicht vermag, das vermögen viele.“ Diese genossenschaftliche Idee scheint eine Antwort auf die Übermacht der Großen zu sein.

Interview mit Olaf Tietgen über das HansLab

Wir sprachen mit Olaf Tietgen, dem Mitinitiator des HansLab. Er ist systemischer Coach ( ADG ), Leiter der Unternehmensentwicklung in der Volksbank Lübeck und leidenschaftlicher Personalentwickler.

Olaf Tietgen - Leiter Unternehmensentwicklung Volksbank Lübeck.
Olaf Tietgen ist Leiter der Unternehmensentwicklung in der Volksbank Lübeck.

Transformations-Magazin: Welche Idee steckt genau hinter dem HanseLab?

Olaf Tietgen: Die Idee ist recht einfach. Wir haben mit dem HanseLab in Lübeck eine Fläche von ca. 300 qm entwickelt, die auf inspirierende Weise dazu einlädt, anders zu sein. Und zwar auf vielfältige Weise. Das Mobiliar, die Menschen, die Methoden, die Technik. Einfach alles ist darauf angelegt, miteinander in den Austausch zu gehen und neue Ideen zu entwickeln. Und war gemeinsam!

Wir setzen auf das WIR-Prinzip. Klar, als genossenschaftliche Organisation liegt das quasi in unserer DNA. Und dass diese Idee ausgerechnet in Lübeck umgesetzt wird scheint mir auch kein Zufall zu sein. Denn die hanseatische Tradition dieser Stadt hat uns gezeigt, dass Weltoffenheit wichtig ist, um erfolgreich zu sein.

Offenheit und regionales Ökosystem

Transformations-Magazin: Was ist denn das Besondere des HanseLab

Olaf Tietgen: Es ist die Offenheit. Wir kennen viele Unternehmen, die Ideenlabore entwickeln. Meist mit dem Ziel, die eigene Organisation zu beleben und nach vorne zu denken. Zumeist sind das aber große Unternehmen. Kleine und mittlere Unternehmen, sogenannte KMU´s, können sich das nicht leisten. Weder finanziell noch personell.

Um hier Abhilfe zu schaffen, haben wir die HanseLabs ins Leben gerufen. Und damit einen Rahmen geschaffen, der es erlaubt, so zu arbeiten wie es in den Laboren der ganz großen Player passiert. Wobei wir auf Vielfalt setzen. Denn es geht uns nicht darum, Wissen geheim zu halten. Uns geht uns vielmehr darum, Wissen zu vernetzen.

Der Begriff des regionalen Ökosystems spielt für uns dabei eine zentrale Rolle. Wir bündeln verschiedenste Kompetenzen in der Region und schaffen damit einen äußerst fruchtbaren Boden für neue Ideen. Und auch überregional werden wir uns mit der gleichen Denkweise vernetzen.

Transformations-Magazin: Müssen die Teilnehmer irgendwelche Voraussetzungen mitbringen?   

Olaf Tietgen: Ja, das müssen sie. Was nicht funktioniert sind „Silodenken“ und „hierarchische Allüren“. Es braucht Offenheit und Neugierde, sonst klappt das nicht. Denn die Teilnehmer teilen Ideen, öffnen sich, geben etwas preis von sich. Da wird man verletzlich. Deswegen ist eine der Grundprämissen, dass wir uns respektvoll, vertrauensvoll, neugierig und auf Augenhöhe begegnen. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass dieses Prinzip voll aufgeht. Viele der Teilnehmer sind schnell per DU und oftmals wird dieses Prinzip im Nachgang in der eigenen Organisation beibehalten.

Agilität, Komplexität und Achtsamkeit

Transformations-Magazin: Welche Themen behandeln Sie derzeit?

Olaf Tietgen: Wir sind noch in der Anfangsphase. Das HanseLab wurde gerade erst eröffnet. Derzeit dreht sich bei uns viel um die Themen Agilität, Komplexität und Achtsamkeit. Und das aus gutem Grunde. Denn im Kern geht es derzeit bei fast allen Themen um Veränderungsprozesse. Und damit ist Widerstand vorprogrammiert. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Je kleiner eine Organisation ist, je persönlicher die Verbindungen, desto schwieriger wird es. Das Thema Achtsamkeit hilft sehr dabei, sich selbst zu erkennen und die Stressanfälligkeit zu reduzieren. Ein wichtiger Begleiter auf dem Wege.

Das Thema Komplexität gewinnt permanent an Bedeutung. Wir wissen mittlerweile, dass „komplex“ so viel mehr bedeutet als „kompliziert“. Und dass wir mit unserer bisherigen oftmals linearen Denkweise regelmäßig an Grenzen stoßen. Wir setzen deshalb auf das FokusModell und die systemische Sichtweise. Wir modellieren komplexe Zusammenhänge in Großgruppen und schaffen damit ein völlig neues Verständnis für Zusammenhänge und Ziele.

Das Thema Agilität rundet das derzeitige Spektrum ab. Wir sehen darin einen Methodenbaukasten, der hilft, schnell Wirkung zu erzielen. Diesen gilt es zu erlernen und je nach Thema dann einzusetzen. Auch um neue Ideen zu entwickeln.

Transformations-Magazin: Wie lange brauchte es, die Idee vom HanseLab in die Tat umzusetzen?

Olaf Tietgen: Circa 1,5 Jahre. Recht lange, viele würden wahrscheinlich sagen, zu lange. Aber man darf nicht vergessen, dass diese Idee für uns völliges Neuland war. Deswegen mussten wir erst mal lernen. Wir haben quasi alle Phasen durchlaufen, die auch ein Start-Up durchläuft. In vielen iterativen Entwicklungsschleifen haben wir unser Konzept immer wieder verändert. Sowohl baulich als auch die inhaltlich. Das war nicht immer leicht. Auch wir mussten nämlich lernen, dass es nicht darum geht, was wir wollen, sondern darum, was der Kunde braucht. Und im Übrigen mussten auch wir das Budget einhalten.

Vernetzung ist Grundlage des Erfolgs

Transformations-Magazin: Gab es zwischenzeitlich Zweifel, ob das klappt?

Olaf Tietgen: Na klar gab es die. Und es gibt sie immer noch. Zweifel gehören dazu und sind wichtig. Wir befinden uns in einem regelmäßigen Wechselbad der Gefühle. Aber für uns war und ist dieser Schritt alternativlos. Denn wir sind überzeugt, dass er richtig ist. Es reicht ja nicht, immer nur „man müsste mal“ zu sagen. Wenn man fest an etwas glaubt, dann muss man es auch machen. Mit aller Konsequenz.

Ich muss aber dazu sagen, dass wir nicht alleine sind. Wir haben uns schon recht früh vernetzt und dadurch wertvolle Hilfe bekommen. Unter anderem mit den LaunchLabs in Berlin, einer der bundesweiten Vordenker in dieser Richtung. Und die vielen sehr ermutigenden Rückmeldungen von verschiedensten Seiten zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber klar, Zweifel gehören dazu.

Transformations-Magazin: Wie sieht die Perspektive für das HanseLab aus?

Olaf Tietgen: Zunächst werden wir das Jahr 2019 nutzen, um das Konzept und die Methoden in Form von Schnupper-Workshops bekannt zu machen. Ab 2020 bieten wir dann unseren Kunden, aber auch allen anderen Interessierten die Fläche zum Arbeiten an. Entweder „nur“ die Fläche oder aber auch mit methodischer Begleitung durch einen unserer zwölf agilen Coaches. Daneben werden wir auch offene Seminare und voraussichtlich Ausbildungen zu den Themen systemisches Fokussieren und Achtsamkeit anbieten. Ganz interessant wird auch das Nutzungskonzept für unsere Küche sein. Auch die genügt hohen Ansprüchen. Wir arbeiten gerade an einem Konzept zum agilen Kochen.   

Transformations-Magazin: Abschließend – was wünschen Sie sich für das HanseLab?

Olaf Tietgen: Ein großer Wunsch ist mit der Eröffnung bereits in Erfüllung gegangen. Was ich mir für das HanseLab perspektivisch wünsche ist, dass es dazu beiträgt, dass viele gute Kontakte und Ideen entstehen. Und ich wünsche mir, dass wir mit der Idee Recht behalten, dass viele zusammen das schaffen, was einer alleine nicht vermag.

Transformations-Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

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